Freitag, 27. Mai 2016

Rezension: John Irving "Das Hotel New Hampshire"



Tragik und Komik liegen sehr nah beieinander in John Irvings skurriler Familiengeschichte „Das Hotel New Hampshire“. Die Erzählung wirkt real und dann doch wieder fremd, beinah unwirklich, wie einer der alten Schnulzen-Filme, die das Leben in allen Farben zeichnen. Und dann schlägt man am Ende das Buch zu und denkt: „Wow! Was für eine Geschichte!“

Irvings erzählt in seinem Roman die Geschichte der Familie Berry und öffnet dabei ein Fenster in die 40er/50er Jahre Amerikas. Er lässt das mittlere der Berry-Kinder John berichten, wie er in Diary (Bundesstaat Maine) aufgewachsen ist – zusammen mit seinen Eltern, seinem Großvater Coach Iowa-Bob und seinen Geschwistern: dem schwulen Frank, der hübschen Franny, dem tauben Egg und der zu klein geratenen Lilly.


Es ist der Blick auf eine turbulente Kindheit in einer Großfamilie, in der eindeutig der Vater die Richtung vorgibt. Ständig wartet Win Berry mit neuen, verrückten Ideen auf, die anfangs absurd, unmöglich, albern klingen, dann aber doch gemeinsam durchgezogen werden. So kauft Vater Berry von Freud – nein, nicht der Freud – den alten Bären State o' Maine und tingelt mit einer mehr oder weniger erfolgreichen Bär-fährt-Motorrad-Nummer durchs Land. Später versucht Win mit seiner Familie sesshaft zu werden und kauft die alte Mädchenschule von Diary. Er macht daraus ein Hotel. Das Hotel „New Hampshire“. Allerdings - es läuft nicht wirklich gut, doch die Berrys sind eine Familie, die sich von Problemen und Niederlagen nicht so leicht aus der Bahn werfen lässt.

Irvings Roman besticht durch eine wunderbar einfache, lebendige, direkte Sprache. Ohne Schnörkel und Tamtam weiß er eine Geschichte zu erzählen, die wirkt, die funktioniert, die einem in Kopf und Herz kleben bleibt. Von Beginn an breitete sich in mir das Gefühl aus, mit John in einem Café oder einer Bar zu sitzen. Ich lauschte den Kindheitserinnerungen eines erwachsenen Mannes, der voller Stolz und Wehmut, aber auch Schmerz und Trauer von damals erzählte. Zwischendurch schweifte ich ab, um mich voll und ganz in die Geschichte hinein zu begeben, um mitten drin zu sein in der kleinen Welt der amerikanischen Familie.

John Irvings beeindruckende Art zu erzählen zeigt, dass es oft nicht viel braucht, um Stimmungen zu erzeugen und Erlebnisse lebendig werden zu lassen. „Das Hotel New Hampshire“ ist mein erster Irving, den ich bisher gelesen habe. Inspiriert dazu wurde ich durch die Rezension von Mara auf Buzzaldrins Bücher. Dieses Buch wird definitiv nicht der letzte Irving für mich gewesen sein, denn John Irving konnte mich nicht nur überzeugen, sondern schlichtweg begeistern.

John Irving
„Das Hotel New Hampshire“
Diogenes Verlag
Übersetzer: Hans Hermann
ISBN: 978-3-257-21194-8

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