Dienstag, 10. Mai 2016

Rezension: Eowyn Ivey „Das Schneemädchen“


Wäre es nicht schön, im tiefen Schnee zu versinken, dem eisigen Wind entgegen zu lachen und geheimnisvollen Stimmen der Natur zu lauschen? Beim Lesen von Eowyn Iveys „Das Schneemädchen“ sah ich wundervolle Winterbilder, fühlte alte Träume wahr werden und bekam die harte Gewissheit ins Gesicht geklatscht, dass ich für Alaska zu schwach bin.

Inspiriert von den Geschichten „Snegurochka“ und „Little Daughter of the Snow“ aus den „Old Peter's Russian Tales“ von Arthur Ransome schrieb Autorin Eowyn Ivey ein ebenso inspirierendes Märchen, das einen Hauch Wirklichkeit mitbringt oder haarscharf daran vorbei fliegt. In ihrem Debütroman „Das Schneemädchen“ holt sich Ivey das Märchen in ihre Heimat Alaska und spinnt eine eigene Geschichte darum, die berührt.


Alaska in den 1920er Jahren. Mabel und Jack sind vom Schicksal schwer getroffen, denn ihr Kinderwunsch bleibt auf eine harte Art und Weise unerfüllt. Um neu anzufangen, ziehen beide in die Wildnis Alaskas, ein Wagnis, das heftiger nicht sein kann. Völlig unerfahren versuchen die beiden nicht mehr ganz jungen Eheleute mit dem neuen Leben klar zu kommen. Glücklicherweise finden sie in ihren Nachbarn, den Bensons, neue Freunde und Helfer.

Aus einer Laune heraus bauen Jack und Mabel in ihrem Hof ein Mädchen aus Schnee, staffieren es mit Mütze und Schal aus. Am nächsten Morgen ist die Figur zerstört, Mütze und Schal verschwunden. Kleine Fußspuren, wie die von einem Kind, führen von dem Schneehaufen weg in den Wald. Und dann taucht es einfach so bei Jack und Mabel auf: das Schneemädchen namens Faina.

Immer regelmäßiger besucht das Mädchen die beiden alten Leute, bleibt aber nie lange, sondern verschwindet schnell wieder im Wald. Etwas Geheimnisvolles umgibt dieses kleine, blonde Mädchen und vor allem Mabel zieht schnell Parallelen zu dem alten russischen Märchen, das ihr Vater ihr immer vorlas. Doch kann es sein, dass Faina nur ein Fabelwesen aus Schnee ist? Kein Mensch aus Fleisch und Blut?

„Das Schneemädchen“ ist eine einfühlsames Buch, auf das man sich einlassen muss. Zunächst erscheint es als neue Interpretation der Märchenvorlage. Und vielleicht ist es das auch. Was den Roman zunächst besonders lesenswert macht, ist die bilderreiche Beschreibung der Wildnis Alaskas. Sie weckt tatsächlich die Sehnsucht nach einem echten Winter, so wie man ihn von früher kennt. Sehr authentisch wirkt auch das Leben in den 1920ern in der Wildnis. Hier wird der Romantik, die eine tief verschneite Welt mit sich bringen kann, ein harter Dämpfer verpasst. Zu Zeiten, in denen Autos gerade erst in Mode kamen, war es alles andere als leicht, in der Natur zu überleben. Vor allem, wenn man sich so unerfahren in dieses Abenteuer stürzt.

Faina, das Schneemädchen, zeichnet die Autorin als Zaubergestalt, als Märchenfigur, als geheimnisvolles Wesen. Eine Auflösung, wer oder was das junge Mädchen tatsächlich ist, wird zunächst nur leicht angekratzt – geschickt weicht die Autorin immer wieder aus. Sehr authentisch wirken dagegen Mabel und Jack, George, Esther und Garret. Es mögen typische Charaktere sein, die vielleicht das eine oder andere Klischee bedienen, aber sie wirken echt.

Sprachlich ist dieses Buch wunderbar. Eowyn Ivey erzählt in einem angenehmen Tempo, lässt jede Menge Bilder entstehen und baut Seite für Seite einen kleinen, feinen Spannungsbogen auf. Die Spannung im Roman ist das Spiel mit der Erwartung des Lesers. Natürlich will man wissen, wer dieses Kind ist. Eine Märchenfigur? Eine Waise? Ein Trugbild? Immer wieder führt die Autorin einen ein Stückchen näher an die Auflösung heran – und dann wieder meilenweit davon weg.

Trotz der guten Idee, der bilderreichen Sprache, trotz des Zaubers, der einen seitenweise begleitet, ist für mich der Schluss der Geschichte nicht befriedigend. Im letzten Drittel schreitet die Zeit plötzlich schnell voran, Jahre vergehen im Flug. Faina trifft auf Garret und dann ist die Geschichte nichts Besonderes mehr. Sie entwickelt sich in eine Richtung, die zwar unerwartet kommt, aber dann auf einmal zu stereotyp erscheint. Zurück bleibt ein wenig Verwirrung, sogar Enttäuschung.

Fazit: „Das Schneemädchen“ von Eowyn Ivey ist ein lesenswertes Buch, das als märchenhafte Geschichte in eine beinah märchenhafte Welt entführt. Es ist sprachlich wunderbar geschrieben, lässt viel Raum für Fantasie. Es ist gefühlvoll, romantisch, aber nicht kitschig. Auch wenn mich das Ende nicht ganz überzeugte, hat es mir die Geschichte insgesamt doch sehr angetan.

Zum Lesen inspiriert hat mich übrigens die Rezension von Kerstin Scheuer. Diese könnt ihr hier nachlesen: Link zur Rezi


Eowyn Ivey
„Das Schneemädchen“
Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-499-25822-0
Übersetzer: Claudia Arlinghaus, Margarete Längsfeld und Martina Tichy

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