Dienstag, 31. Mai 2016

Rezension: Brooke Davis "Noch so eine Tatsache über die Welt"


Was haben ein kleines Mädchen, ein alter Mann und eine alte Frau gemeinsam? Sie wissen Bescheid über das Verlassenwerden, das Zurückgelassenwerden, das Alleingelassenwerden. Millie ist sieben Jahre alt und wird von ihrer Mutter im Kaufhaus zurückgelassen. Tasttipper Karl verliert seine Frau und muss ins Altersheim. Nachdem Agathas Mann verstarb, verbarrikadierte sich die alte Frau in ihrem Haus. 


Millie weiß schon über eine Menge Bescheid. Sie führt ein „Buch der toten Dinge“, in dem sie jeden notiert, der stirbt. Ihr Hund Rambo, „Spinne, Vogel, Großmutter, die Nachbarskatze Gertrude“ und letztendlich auch ihr Dad. Am „ersten Tag des Wartens“ bleibt Millie im Kaufhaus bei dem Ständer mit der Damenunterwäsche, da, wo ihre Mutter sie abgesetzt hatte.


Tasttipper Karl ist aus dem Altenheim weggelaufen. Er hält es zwischen den alten Leuten nicht mehr aus und versteckt sich im Kaufhaus. Agatha lebt allein in ihrem mittlerweile verwahrlosten Haus, führt Buch über ihr Altwerden und beschimpft die Menschen, die draußen vorbei gehen. Die Wege der Drei treffen aufeinander und gemeinsam treten sie eine Reise an, die ihr Leben ordentlich durcheinander rüttelt.

Brooke Davis ist eine australische Schriftstellerin und die Geschichte spielt in ihrem Heimatland. „Noch so eine Tatsache über die Welt“ ist ihr Debütroman, der zurecht bereits sehr erfolgreich ist. Kapitel für Kapitel wechselt die Autorin die Perspektive, erzählt mal aus Millies Sicht, dann aus Agathas, dann aus Karls. So bekommt der Leser immer wieder eine neue Blickrichtung, was die Geschichte wunderbar rund macht. Innerhalb der Kapitel unterteilt Davis den Text in kleinere Abschnitte. Hier zoomt sie auf die Eigenarten ihrer Romanfiguren – worüber wissen Millie, Karl oder Agatha Bescheid, wie tun sie bestimmte Dinge und vor allem was tun sie. Angepasst an die jeweilige Charaktereigenschaft des im Mittelpunkt stehenden Protagonisten, verändert sich auch der Schreibstil vom Erzählerischen bis hin zu einer akribischen Katalogisierung von Ereignissen.

Sprachlich ist der Roman sehr gut umgesetzt. Die Erzählung wirkt sehr lebendig. Der Leser ist direkt dabei und erlebt jede Menge absurde Szene, die einerseits stimmig erscheinen, andererseits unglaublich klingen. Daneben lebt der Roman von einer Realität, die nachdenklich stimmt. Den Spannungsbogen findet man eher zwischen den Zeilen und bemerkt erst nach und nach, wie stark er den Leser festhält.

Das Ende der Geschichte wirkt offen, mit einem kurzen Blick in die Zukunft. Für mich war dies passend, denn es lässt genug Raum für eigene Fantasie. Jedoch bleiben tatsächlich ein paar Fragen unbeantwortet – eine Tatsache, über die man nachdenkt, ob das ausreicht oder nicht.

Brooke Davis
„Noch so eine Tatsache über die Welt“
Verlag Antje Kunstmann
Übersetzer: Ulrike Becker
ISBN: 978-3-956-14053-2

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