Sonntag, 27. Dezember 2015

Rezension: Jenny Blackhurst "Die stille Kammer"



Das Baby ist tot. Oder doch nicht? Wie kann man schon entscheiden, was Wahrheit und was Lüge ist, wenn die Worte von Psychiater und Polizei einem simplen Foto gegenüber stehen, das nur durch einen Namen und ein Datum Fakten zu schaffen sucht. Mit einer genialen Idee wartet der Thriller „Die stille Kammer“ von Jenny Blackhurst auf. Die Umsetzung: spannend, nicht immer nachvollziehbar, aber dennoch lesenswert.


Zum Inhalt:

Vor drei Jahren soll Susan Webster ihren zwölf Wochen alten Sohn Dylan getötet haben. Postpartale Psychose lautete die Diagnose. Es folgten fast drei Jahre Aufenthalt in der Forensischen Psychiatrie. Seit Susan wieder draußen ist, hat sie eine neue Identität. Sie heißt jetzt Emma Cartwright und lebt in einer Stadt, in der niemand ihre Vergangenheit kennt. Glaubt sie. Dann erhält sie einen Brief, adressiert an Susan Webster. Im Umschlag befindet sich ein Foto, das einen kleinen Jungen zeigt. Auf der Rückseite steht „Dylan – Januar 2013“. Schlagartig wird Susan von ihrer Vergangenheit eingeholt. Nach dem Schock entwickelt sie die Kraft, nach dem Absender des Briefes zu fahnden. Unterstützung erhält sie von ihrer besten Freundin Cassie, eine Mörderin, mit der sie sich in der Psychiatrie ein Zimmer teilte. Und noch eine Person bietet Susan unerwartete Unterstützung an.

Bewertung:

Die Autorin baut gleich zu Beginn der Geschichte eine enormen Spannungsbogen auf. Da liegt dieser Brief auf Susans Küchentisch, mit dem Bild eines Jungen, der heute drei Jahre alt wäre und vielleicht ihr Sohn sein könnte. Sehr gut fängt Jenny Blackhurst die Stimmung ein, die Susan umgibt. Sehr gut zeichnet sie das Gefühlschaos ihrer Protagonistin und versetzt die Leser direkt zu Susan an den Küchentisch. Und dort sitzt man dann, starrt Susan an und es läuft einem eiskalt den Rücken hinunter.

Im dritten Kapitel skipt die Autorin zurück in die Vergangenheit und erzählt die Geschichte von Jack und Billy, der eigentlich gar nicht Billy heißt. Die beiden sind ein ungleiches Duo, die eine ungewöhnliche Freundschaft verbindet. Jack, schon als Junge ein Machtmensch mit Charisma und Billy eher der treu-doofe Junge, der leicht zu manipulieren ist. Von nun an wechselt die Autorin regelmäßig zwischen der Geschichte der Jungen in den 80er Jahren und den aktuellen Geschehnissen 2013. Man ahnt, das beides irgendwann zueinander finden muss. Doch Jenny Blackhurst lässt sich Zeit, Zeit genug, um alle Beteiligten gut kennenzulernen, um das eine oder andere Klischee zu entdecken. Nicht immer ist nachvollziehbar, warum die Protagonisten gerade tun was sie tun. Doch denkt man länger darüber nach, ist es fast wie im realen Leben. Wer macht schon immer nachvollziehbare Dinge.

Wichtiger ist, dass die Autorin es schafft, ihren Spannungsbogen bis zum Ende aufrecht zu erhalten und hin und wieder ein kleines Schüppchen drauflegt. Schlüssig fügt sie dann beide Erzählungen zusammen und es wird klarer, was warum passierte. Die Auflösung der Geschichte hat vorhersehbare und überraschende Momente. In einzelnen Action-Szenen schwingt ein wenig Hollywood mit – nun, vielleicht ein Tick zu viel.

Zweifelsohne ist „Die stille Kammer“ eine spannende Lektüre, die einen stellenweise nur schwer wieder loslässt. Das Buch ist kein Highlight für mich, aber dennoch sehr lesenswert.

Einzig absolut nicht nachvollziehbar ist für mich der deutsche Titel. Wie macht man aus „How I Lost You“ den Titel „Die stille Kammer“, der mit dem Inhalt nicht wirklich etwas zu tun hat?



Jenny Blackhurst
„Die stille Kammer“
Bastei Lübbe, Taschenbuch
ISBN: 978-3-404-17219-1
Übersetzer: Anke Angela Grube

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