Sonntag, 4. Oktober 2015

Rezension: Haruki Murakami "Kafka am Strand"


„Kafka am Strand“ ist ein surreales, japanisches Märchen, in dem es weniger darum gehen mag, Gut und Böse gegenüberzustellen, sondern vielmehr darum, sich selbst einen Platz in der Welt zu suchen.

Kafka Tamura wächst bei seinem Vater auf, nachdem Mutter und Schwester vor langer Zeit das Weite gesucht hatten. Sein Vater lebt irgendwie in seiner eigenen Welt, eine Welt, in der der Junge für sich keinen Platz sieht. Mit 15 packt Kafka ein paar Sachen ein und haut ab. Seine Reise führt ihn wie durch Zufall zur Komura-Bibliothek in Takamatsu. An diesem irgendwie magisch wirkenden Ort wird Kafkas Leben ordentlich durcheinander gewirbelt.
Parallel zu Kafkas Reise erzählt Murakami die Geschichte des alten Nakata, der als kleiner Junge im Wald seines Heimatortes zusammen mit den anderen Kindern seiner Klasse in ein merkwürdiges Koma fiel. Während die anderen Jungen und Mädchen dieses Ereignis scheinbar unbeschadet überstanden, blieb bei Nakata etwas zurück – er war mit einem Mal dumm.

Murakamis Stil ist einzigartig, was dieser Roman einmal mehr beweist. Kühle Präzision wechselt mit farbenreicher Beschreibung, um den einzelnen Szenen im Gesamtwerk den gebührenden Platz zu geben. Kapitel für Kapitel wechselt er zwischen seinen Protagonisten, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und baut Wort für Wort immer mehr Spannung auf. Immer wieder erlebt man neue Wendungen im Fluss der Geschichte, trifft weitere Figuren, die mal mehr, mal weniger Bedeutung erhalten – aber dabei nie unwichtig erscheinen.

„Kafka am Strand“ ist ein grandioses Werk, das einen gefangen nimmt und bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Es ist ein Buch, das etwas in einem zurücklässt, das sich fest in den eigenen Gedanken verankert.


Haruki Murakami
"Kafka am Strand"
Übersetzung: Ursula Gräfe
btb Verlag
ISBN: 978-3442733231