Freitag, 10. Januar 2014

Rezension: William Gibson und Bruce Sterling "Die Differenzmaschine"

„Die Differenzmaschine“ von William Gibson und Bruce Sterling ist ein Buch, das man nicht einfach so runterliest. Es ist ein Roman, der es in sich hat und bei dem es sich lohnt, ein wenig in der echten Geschichte der viktorianischen Zeit Englands herumzuwühlen.

Gibsons und Sterlings „Differenzmaschine“ ist ein Steampunk-Roman. Die Geschichte spielt in einem alternativen 19. Jahrhundert in London – einer Parallelwelt. Gut 100 Jahre zu früh ist das Computerzeitalter angebrochen, jedoch nicht so, wie wir es heute kennen. Die Rechenmaschinen werden mit Dampf betrieben – so wie vieles in dieser Zeit. Die industrielle Revolution ist in vollem Gange, Großbritannien und Frankreich regieren quasi ganz Europa, Japan ist nur eine Kolonie.

Die Computer dienen u. a. der Katalogisierung der Menschen. Jeder besitzt eine Bürgernummer. Mit Hilfe dieses Kennzeichens spucken die Rechenmaschinen unzählige Informationen über jeden Einzelnen aus. Ohne diese Nummer ist man ein Niemand. „Unscannbar.“

Es ist Sommer. Ganz London ist unter einer ekligen, stickigen Dunstwolke begraben. Während immer mehr der Reichen die Stadt fluchtartig verlassen, um auf dem Land durchatmen zu können, regt sich in der Unterschicht immer mehr Widerstand gegen die Gesellschaft. Von jetzt auf gleich bricht die Hölle los. Straßenkämpfe, Läden werden zerstört und geplündert, Häuser besetzt, Barrikaden errichtet.

In dieser Kulisse setzen die Autoren vier Protagonisten aufs Spielbrett: Sybil Gerard, Tochter eines berüchtigten „Maschinenstürmers“, fristet ihr Dasein als gefallene Frau und verdient sich ihr Geld als Edelprostituierte. Edward Mallory, Paläontologe, hat nicht nur die Knochen des Land-Leviathan gefunden, sondern das urzeitliche Tier rekonstruieren können. Lady Ada Byron, Tochter des Premierministers Lord Byron, ist eine begnadete Mathematikerin mit einem höchst zweifelhaften Hang zum Glücksspiel. Und Laurence Oliphant, Leiter der Geheimdienstabteilung, nimmt die Stellung des Diplomaten ein.

Das geniale an der Geschichte: Diese Figuren gibt es wirklich – bis auf den Paläontologen Mallory (es gibt in der Wikipedia nur einen Schauspieler mit diesem Namen). Sie genießen im Roman eine alternative Lebensgeschichte.

Zu Beginn kommt man gut hinein in die Geschehnisse. Die Autoren beschreiben ihre Parallelwelt sehr anschaulich. Viel Raum nimmt die Geschichte Mallorys ein, in der die übrigen Protagonisten immer wieder auftauchen. Lediglich die Rolle Sybil Gerards bleibt im Dunkeln. Hier lassen sich die Autoren sehr viel Zeit bei der Auflösung.

Im Verlauf des Romans wird es allerdings immer schwieriger, der Story zu folgen. Gibson und Sterling breiten manche Szenen sehr langatmig aus. Es wirkt oft sehr detailverliebt. Bis zum letzten Drittel muss man sich wirklich zusammenreißen, um in der Geschichte zu bleiben, dann nimmt diese wieder Fahrt auf und man kann es kaum erwarten, endlich darüber aufgeklärt zu werden, wie die Dinge und Personen nun wirklich zusammenhängen.


„Die Differenzmaschine“ ist trotz des zähen Mittelteils ein spannendes und interessantes Buch. Ideal für Leser, die sich sowohl mit Computern als auch mit Geschichte auskennen. Für mich war es der erste Steampunk-Roman – und ein guter Einstieg in eine geniale Welt.

Bewertung: