Dienstag, 24. September 2013

Rezension: Susan Cain "Still - Die Kraft der Introvertierten"


Die Welt ist lauter geworden. Hektischer auch. Wohltuend zu lesen, dass es kein Makel ist, in dieser Welt ein stiller Mensch – ein Introvertierter – zu sein. Susan Cain veröffentlichte mit ihrem Fachbuch „Still – Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“ tatsächlich ein „leidenschaftliches Plädoyer für die Kraft der Stille“, wie es der Berliner Kurier auf der Amazon-Seite des Buches treffend ausdrückte.

Die amerikanische Autorin, selbst introvertiert, beleuchtet Introversion und Extraversion aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie legt sich dabei keine feste Definition zurecht, entdeckt keine starren Muster, sondern findet viele unterschiedliche Ausprägungen und Mischungen. Cain erforscht die Wesensart in verschiedenen Zeiten (damals, heute), Bevölkerungsschichten, Generationen, Nationalitäten und stellt dabei Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede fest. Die Einzigartigkeit eines jeden Menschen.

Sie spricht mit Gelehrten und Betroffenen, besucht Seminare – immer auf der Suche nach Antworten auf so viele Fragen: Warum sind Extravertierte oft erfolgreicher als stillere Menschen? Warum ist Extraversion ein Ideal? Warum denken Introvertierte anders als Extravertierte? Und ganz besonders: Wie kann man sich als stiller Mensch in einer lauten Welt behaupten, seinen Platz finden, seine Potenziale und Talente voll ausschöpfen?

Susan Cain betrachtet die Gegensätze und Anziehungspunkte der Extravertierten und Introvertierten im beruflichen wie auch im privaten Umfeld. Sie vergleicht Persönlichkeitsstrukturen von damals und heute und stellt sich die Frage, ob bspw. introvertierte Menschen besser in Führungspositionen arbeiten, weil sie ihren Mitarbeitern mehr Raum zu freien Entfaltung geben oder kritische Situationen klüger meistern – wie z. B. die Finanzkrise oder politische Entscheidungen.

Der Leser lernt viel über das menschliche Wesen und Cain öffnet sicher vielen die Augen, ändert den Blick auf Partner, Kollegen, Freunde. Ein Aha-Effekt stellt sich auch an der einen oder anderen Stelle im Buch ein. Und man lernt viel über sich selbst, wenn man ein stiller Mensch ist – durch Theorien, die Susan Cain in Gesprächen mit Wissenschaftlern erfuhr, aber auch durch Fallbeispiele von Menschen, die aus ihrem Leben erzählten.

Introvertierte werden nach der Lektüre des Buches vielleicht sagen: „Was bin ich erleichtert, ich bin ja doch normal.“ Extravertierte mögen die Stillen dann eventuell ein wenig besser verstehen. Die Autorin schuf ein Werk, das für ein wenig mehr Verständnis untereinander, aber auch sich selbst gegenüber sorgt. Sie unterteilt das Buch in mehrere Kapitel, in denen sie sich auf immer wieder neue Weise dem Thema nähert. Es ist eine wissenschaftlich-journalistische Arbeit, die Spaß macht, zu lesen. Nicht nur, weil das Thema sehr spannend ist, sondern weil der Stil der Amerikanerin so fesselt, als wäre es ein Roman und kein Fachbuch. Und auch weil das Nachdenken und Reflektieren einsetzt. Zu guter Letzt ist es ein tiefer Blick in die Psyche und Erlebnisse einer introvertierten Frau, die sich in einer lauten Welt behauptet und sich bei der Arbeit an diesem Buch womöglich selbst besser kennengelernt hat.