Sonntag, 28. April 2013

Rezension: Sigrid Hunold-Reime "Schattenmorellen"



Martha Lühnemann wacht im Krankenhaus auf. Sie weiß zunächst nicht, wo sie ist und warum. Sie ist aus einem Kirschbaum gefallen, ihr Nachbar hat den Krankenwagen gerufen. Alles gut – könnte man meinen. Nichts ist gut, weder mit der Vergangenheit, die Martha mit einem Mal so präsent ist, noch mit der Gegenwart. Der Roman „Schattenmorellen“ von Sigrid Hunold-Reime beginnt als eine scheinbar harmlose Krankenhaus-Geschichte, die sich jedoch sehr schnell zu einem spannenden Krimi entwickelt, den man nicht mehr weglegen möchte, bis man weiß, wie er ausgeht.

Die 71-jährige Martha scheint zunächst mit ihrer Situation total überfordert. Sie darf das Krankenbett nicht verlassen – heißt, sich vor den anderen Patientinnen im Zimmer von der Schwester versorgen lassen. Undenkbar für die alte Dame, dennoch muss sie sich fügen. Doch dies ist nur die eine Seite. Martha erinnert sich plötzlich an Begebenheiten aus ihrer Jugend, die ihr so real vor Augen erscheinen, dass sie hin und wieder nicht weiß, wo sie gerade ist und ob das, woran sie sich erinnert, tatsächlich passiert oder nur Einbildung ist. Im Schwesternzimmer ist man sich nicht ganz einig, ob Frau Lühnemann verwirrt ist oder doch voll zurechnungsfähig.

Marthas Erinnerungen nehmen zu, als mit Eva eine alte Bekannte von damals in ihr Zimmer aufgenommen wird. Eva war damals ein junges Mädchen, Martha eine erwachsene Frau – sie waren Nachbarn. Doch diese Zeit ist es nicht, die sich in Marthas Bewusstsein bohrt, die Erinnerungen sind viel älter. Als sie damals selbst noch ein junges Mädchen war und den Freund ihrer Schwester anhimmelte. Damals, unter dem Kirschbaum. Lange hatte sie verdrängt, was in dieser Gewitternacht passierte.

Aber auch Eva plagen Erinnerungen an vergangene Tage, die stark mit ihrem Gefühlswirrwarr der Gegenwart verbunden sind. Da ist ihr Ehemann, der sich um sie sorgt. Und da ist der Mann, der sie begehrt und das Spiel gewinnen will. Je länger die beiden Frauen in diesem Krankenhaus ihr Dasein fristen müssen, umso verzwickter werden beide Geschichten, die Martha und Eva mit sich herumtragen.

Die Autorin schafft es, von einem harmlos wirkenden Startpunkt die Geschichte Schritt für Schritt so zu entwickeln, dass man nicht merkt, wie man in den Strudel der Vergangenheit und Gegenwart der beiden Protagonistinnen hineingezogen wird. Die Spannung steigt Seite für Seite und der berühmte Punkt, ab dem man ein Buch nicht mehr aus der Hand legen will, weil man endlich wissen will, wie die Geschichte endet, beginnt schon mittendrin. Keine der Erlebnisse der Frauen, die sich in der Gegenwart zu einer Ausweglosigkeit entwickelt haben, erscheinen an den Haaren herbei gezogen. Im Gegenteil – es könnte genauso passiert sein.

Inhaltlich wie auch sprachlich hat mich das Buch überzeugt. Das Bild vom Krankenhausleben ist stimmig. Durch die fast berichtsartigen Kurzsequenzen am Ende der Kapitel – die Übergabe im Schwesternzimmer – erhält man lange den Eindruck, Martha könnte tatsächlich verwirrt sein, womit man ihre Version der Geschichte immer wieder in Frage stellt. Das erzeugt zusätzlich Spannung.

Insgesamt kann ich sagen: Der Roman ist absolut lesenswert!

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