Sonntag, 17. März 2013

Rezension: Rainer Nocht "Ankerzurren"

Es ist eine bewegende Geschichte, die recht viele Klischee-Schubladen aufreißt und diese dann durcheinander wirbelt. „Ankerzurren“ heißt der Roman von Rainer Nocht, erschienen im Verlag Edition Thaleia. Das Werk räumt nicht auf mit uralten Denkmustern, sondern gibt ihnen eine neue Richtung, eine Chance, die Dinge genauer zu betrachten, um sie mit anderen Augen zu sehen.

Die Klischees: Kai Carmann ist Banker, erfolgreich, lebt in seinem Penthouse mit eigenem Fahrstuhl. Ein Schnösel – so der erste Gedanke. Banker, da spulen sich bereits die üblichen Bilder im Kopf ab. Unweigerlich denkt man an die Krise, exorbitante Boni, Anzugträger mit selbstgefälligen unsozialen Zügen. Doch ist Kai Carmann solch ein Mensch? Autor Rainer Nocht gibt seinem Protagonisten zunächst ein bisschen von dem mit, was sich Otto-Normal unter einem erfolgreichen Banker vorstellt: Kai Carmann hält den Stadtstreicher Rolf Barenbourgh, den er täglich aus den Fenstern seiner Luxuswohnung beobachtet, nicht nur für einen widerlichen Penner, sondern sogar für einen Schandfleck in seiner so schönen Wohngegend. Barenbourgh lebt in einem Zirkuswagen in einer Gartenkolonie. Das geht gar nicht.

Rainer Nocht zeichnet seine Figuren zu Beginn des Romans sehr einfach und lässt dabei viel Spielraum für die eigene Schubladendenke.

Dann treffen beide Charaktere aufeinander und der Autor modelliert immer mehr Facetten an seine Protagonisten. Der „Penner“ Rolf springt zur Hilfe, als Kai von einem Dobermann attackiert wird und setzt mühelos Hund und Halter Schach matt. Kai ist in der Pflicht. Wie bedankt man sich bei einem Mann, der in einem Zirkuswagen lebt. Plötzlich verlässt ihn seine Oberflächlichkeit. Persönlich taucht er in Rolfs Behausung auf und stellt fest, dass seine Vorurteile nicht die Realität abdecken. Rolf ist ein ganz anderer, als Kai vermutet hatte. Ein Mann mit Bildung, ein Mann, der einmal sehr erfolgreich war. Ein Mann, der gelebt hatte.

Langsam entwickelt sich eine tiefe Männerfreundschaft. Kulinarische Genüsse helfen dabei und der Wille Kai´s, endlich das Kochen zu lernen. Alles entwickelt sich wunderbar, tiefgründige Gespräche, die den Leser teilhaben lassen, an philosophischen Gedanken und unweigerlich zum nachdenken anregen. Und dann ...

Rainer Nochts „Ankerzurren“ ist ein gelungenes Werk über eine Freundschaft über Männer, die tiefgründiger ist, als das gemeinsame Bier zur Bundesliga. Männer können auch anders. Sie können über Gott und die Welt philosophieren und Gefühle zeigen. Es ist aber auch eine Geschichte, die auch ein wenig darauf zeigt, wie sehr berufliche Karriere das Privatleben im Griff hat, Zeit für Freundschaften und Partnerschaften reduziert. Es ist ein Buch, dass kräftig an den eigenen Lebensankern zurrt. Insgesamt ein absolut lesenswerter Roman.

Link zu Rainer Nocht

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