Freitag, 1. März 2013

Rezension: Marlen Haushofer "Die Wand"

Wenn ich mir vorstelle, der einzige Mensch auf der Erde zu sein, dann erschauere ich. Ein unheimlicher Gedanke. Betrachtet man allerdings mal nüchtern die Idee, den Stoff, der dahinter steckt, dann ist es schon wieder genial und ich danke Marlen Haushofer, die in ihrem Roman „Die Wand“ diese Idee aufgegriffen und zu einer gruselig-spannenden Geschichte gesponnen hat.
Die Protagonistin, deren Name im ganzen Buch nicht genannt wird, findet sich eines Morgens völlig allein in einer Hütte im Wald wieder. Ihre Freunde sind vom abendlichen Ausflug in den Ort nicht zurück gekehrt, lediglich die Katze und der Hund sind noch da. Die Ursache für diese erzwungene Einsamkeit findet die Protagonistin schnell, als sie beim Ausflug ins Tal gegen eine unsichtbare Wand stößt. Dahinter ist alles tot. In der Ferne sieht sie einen Mann auf seiner Bank vorm Haus sitzen, regungslos, leblos. Gespenstisch.


Haushofer wirft ihre Heldin in eine Situation, die beängstigend, unerträglich und unüberwindbar zugleich ist. Von einem Tag zum anderen ist die Frau allein, nur Tiere leisten ihr Gesellschaft und die Gewissheit, dass ihre Lieben tot sind und sie niemand retten wird, wächst von Tag zu Tag. Die Autorin hat den Roman in einer Art Tagebuch-Form geschrieben, womit der Leser schnell das Gefühl erhält, er hätte die Notizen dieser Frau Jahre später in der Hütte gefunden und hielte damit einen Schatz der Vergangenheit in den Händen, der ein unlösbares Rätsel aufgibt.

Im Gegensatz zu manchen Meinungen fand ich das Buch keineswegs langatmig oder langweilig, im Gegenteil. Ich fieberte mit, hoffte doch, dass die Auflösung auf einer der nächsten Seiten kommt und man erfährt, warum das Ganze passierte oder dass die Frau gerettet wurde. Stattdessen erlebt man mit ihr, wie sie ihren Alltag meistert, von der Stadtfrau zur Landfrau wird und wieder lernt, sich komplett selbst zu versorgen – ohne Supermarkt, ohne elektrischen Strom und fließend Wasser. Eben so, wie damals, als es den ganzen Luxus, in dem wir jetzt leben, noch nicht gab.

Wie würde ich selbst in so einer Situation weiterleben, habe ich mich oft gefragt. Wie schnell kommt der Wahnsinn, wenn niemand da ist, außer Tieren, die nicht reden können? Wäre ich verhungert oder hätte ich mich mit dem, was die Natur hergibt, ernähren und versorgen können? Das machte diesen Roman für mich so nachdenklich – mal inne halten und reflektieren, was wir alles haben und nutzen können und wie wir „modernen“ Menschen heute zurecht kommen würden, wenn außer Natur nichts mehr da wäre. Kann ein Mensch ganz allein leben, überleben, sein?

Was letztendlich aus der Frau wird, lässt die Autorin offen. Wahrscheinlich bewusst, denn wie hätte man das Erscheinen einer aus dem Nichts kommenden unsichtbaren Wand erklären wollen, ohne ins science-fiction-hafte abzurutschen. Ich denke, darum ging es im Buch auch nicht, sondern lediglich um die nackte Tatsache, wie ein Mensch allein versucht, am Leben zu bleiben und dabei nicht dem Wahnsinn zu verfallen.

Ein gutes Buch, ein nachdenkliches Buch – sicher nicht jedermann Geschmack; mich hat es berührt.

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