Samstag, 16. März 2013

Rezension: Margit Kruse "Im Schatten des Turmes"

"Im Schatten des Turmes" heißt Margit Kruses autobiografisches Werk, in dem sie die 60er und 70er Jahre im Ruhrgebiet wieder aufleben lässt. In einzelnen Episoden lässt sie die alten Zeiten noch einmal Revue passieren und weckt durch immer wieder eingestreute kleine Details Erinnerung bei denen, die ebenfalls im "Pott" groß geworden sind. 

Mit 14 Jahren beendet sie die Schule und will zunächst eine kaufmännische Ausbildung beginnen. Der Start in einem "Riesenkaufhaus" wurde für das junge Mädchen zum Horror. Kleiderberge im Lager räumen und immer wieder die gleichen Blusen und Pullis im Verkaufsraum auf die Bügel hängen. Eintönig und nervenaufreibend. Nach kurzer Zeit "drehte" die Azubine "am Rad" und eine eitrige Angina half ihr dabei, unter dieses Kapitel schnell einen Schlussstrich zu setzen.

Und das Glück blieb ihr treu, denn kurz darauf setzte sie ihre Lehre bei einem Autohändler fort. Über ihren Bruder, der dort als Mechaniker arbeitete, kam sie überhaupt erst auf die Idee, sich zu bewerben und gleich am nächsten Tag hatte sie die Stelle. Das Beste daran war für die 14-Jährige, dass sie nach kurzer Zeit in die Zweigstelle in Gelsenkirchen Erle versetzt wurde. Das bedeutete einen sehr viel kürzeren Arbeitsweg, also weniger Stress und mehr Freizeit.

Die Zeiten waren damals definitiv anders als heute. Haare mit warmen Wasser waschen ging nur, wenn der Vater auf Schicht war. Der achtete nämlich penibel darauf, dass nichts "verschwendet" wurde. Taschengeld war immer knapp und das Lehrgeld reichte auch nicht für die kurzen Ausgeh-Abende. Damals musste noch ein Teil des Lehrgeldes als Kostgeld zu Hause abgegeben werden!

Margit Kruse schildert ein sehr lebendiges Bild der damaligen Zeit im Ruhrgebiet und erzählt über die kleinen Sorgen und Nöte Heranwachsender in einer Zeit, in der es eigentlich wirtschaftlich bergauf ging, doch vom Aufschwung noch nicht überall etwas zu spüren war. Sie mischt immer wieder sehr persönliche Erinnerungen hinein, wie etwa das Sportfest, das sie mal eben in Minirock und Stöckelschuhen mitmacht, oder der erste Urlaub ohne Eltern, mit der Tante in Süddeutschland.

Sehr köstlich ist auch die Schilderung der Kurtage in Bad Steben, eine "trostlose" Gegend, in der sie sich fühlte, wie "im tiefsten Russland" und glaubte, sie wäre vielleicht schon längst in der DDR gelandet.

Margit Kruses Ausflug in die Vergangenheit ist ein amüsantes Werk, das Spaß macht und viele Bilder im Kopfkino aktiviert. Viel Gewicht gibt sie dem Turm, der am Eingang der Gelsenkirchener Zechensiedlung steht, in der sie aufgewachsen ist.

Update:
Link zu Margit Kruse

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