Freitag, 1. März 2013

Rezension: Jutta Ouwens "Die Zeitmeisterin"

Die Geschichte ist fiktiv und dennoch ist sie wahr und gerade das ist es, was mich an Jutta Ouwens „Die Zeitmeisterin“ sehr bewegt hat. Das Thema des Romans ist hart und wäre für manchen Menschen sicher schwer in passende Worte zu fassen. Erzählt werden die Erinnerungen einer Frau, die als kleines Mädchen von der Mutter geschlagen und vom Vater sexuell missbraucht wurde. Jutta Ouwens schafft es, mit einfühlsamen und klaren Worten, das Unfassbare zu schildern – ohne Anklage, ohne Verurteilung. Sehr sachlich erzählt sie die Geschichte ihrer Heldin und überlässt es dem Leser, seine eigenen Gefühle wahrzunehmen und sein eigenes Urteil zu fällen.


Anna ist multipel, ohne es wirklich zu wissen und kämpft sich zusammen mit ihren verschiedenen Ich´s durch ihr Leben. Es ist „die Geschichte einer Frau, die liebt, so gut sie kann und bestrebt ist, dem Kreislauf von Gewalt und Täuschung auf die Spur zu kommen“, lautet der Klappentext. Und so ist es. Die Autorin nimmt ihre Protagonistin liebevoll an die Hand und geht hinein in Annas Erinnerungen.

Anna ist ein scheinbar ganz normales Mädchen. Sie ist eine sehr gute Schülerin, manchmal ein wenig sonderlich und versteckt sich perfekt in der Welt, um möglichst unauffällig zu sein. Sie strengt sich furchtbar an, in allem, was sie tut und was von ihr gefordert wird. In ihr herrscht der feste Glaube, dass sie dafür verantwortlich ist, die Familie zu harmonisieren. Sie müsse eine gute Tochter sein, damit Mutter und Vater sich gut fühlen dürfen.

Sehr deutlich zeichnet Ouwens das Verhaltensmuster eines gequälten Kindes. Unauffällig und doch zurückgezogen, immer bestrebt, es den Eltern recht zu machen, die sie trotz der Taten abgöttisch liebt. Ouwens findet in ihrem Roman sehr klare Worte und schildert die Erlebnisse ihrer Protagonistin aus der Sicht einer stillen Begleiterin. Sie geht sehr behutsam vor, lässt aber nichts aus, übertreibt oder verklärt nichts und verurteilt nicht – sie erzählt und zeichnet ein sehr authentisches Bild ihrer Hauptfigur.

Je älter Anna wird, umso mehr setzt sie sich mit ihrem Leben und dem Sinn darin auseinander. Sie beschleicht das Gefühl, dass sie es nie schaffen wird, die gute Tochter für ihre Eltern zu sein, die sie so gern gewesen wäre. Freundschaften werden ihr untersagt, sie wird gewissermaßen von der Gesellschaft abgeschnitten und in der Schule immer mehr ein Sonderling. Mehr durch Zufall entdeckt sie die erlösende Wirkung des Schneidens, dass das Rauschen in ihrem Kopf für einen Moment unterdrückt.

„Anna musste schneiden, weil der Druck stieg, wenn sie mit dem Denken nicht weiterkam. Wenn ihr Hände zu Gummiwürsten wurden und ihre Haut sich wie ein Fensterleder anfühlte. Wenn sie das Gefühl bekam, trotz aller Anstrengungen die Kontrolle zu verlieren, wenn die Überzeugung wuchs, verrückt zu sein. Dann war auch das Schamgefühl nicht mehr auszuhalten.
Niemand sollte merken, wie verrückt sie war und dass sie es nie schaffen würde, ihren Eltern eine halbwegs gute Tochter zu sein.
Das Hochgefühl, das Anna nach dem ersten Schneiden hatte, war längst vorbei.
Die Entlassung war nur kurz, der Triumph noch kürzer.
Im Gegenteil, Anna begann sich zu schämen, geriet unter Stress, denn die Schnitte mussten versteckt werden, und so hatte sie sich Stellen am Oberarm ausgesucht, die leichter zu verdecken waren.“
(Zitat: Jutta Ouwens "Die Zeitmeisterin") 

Später versucht Anna, sich das Leben zu nehmen. Weil sie die Misshandlungen nicht mehr aushält, sich selbst für verrückt hält und weil sie festen Glaubens war, dass sie die Familie zerstöre. Dieser Suizid-Versuch rettet ihr letztendlich das Leben, dann ab diesem Zeitpunkt erhält sie die Chance, aus der Familie auszubrechen und ein neues, eigenes Leben zu beginnen.

Äußerliche Wunden heilen. Anna ist eine erwachsene Frau, Leiterin eines Kindergartens – und eine multiple Persönlichkeit, denn die inneren Wunden sind längst noch nicht verheilt. Alle Annas, die sie im Laufe ihrer Kindheit ins Leben gerufen hat, sind immer noch da und meistern mit ihr gemeinsam die Realität.

Jutta Ouwens Roman „Die Zeitmeisterin“ schüttelt ordentlich durch und zeigt aber auch, wie schwer es für Außenstehende sein kann, in die Psyche eines missbrauchten Menschen zu blicken.

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