Freitag, 22. März 2013

Rezension: Anthologie "Sherlock Holmes und das Druidengrab", Hrsg. Alisha Bionda

Sherlock Holmes, der wohl berühmteste Meisterdetektiv der Literaturgeschichte - er vertraut eher der Logik und seinem Verstand und würde nie etwas auf Übersinnliches oder Fantastisches geben. Oder doch? Herausgeberin Alisha Bionda wagt in ihrer Anthologie "Sherlock Holmes und das Druidengrab" die Gratwanderung zwischen klassischem Krimi und Fantasy. Herausgekommen ist eine gelungene Geschichtensammlung, die sehr lesenswert ist.


13 Autorinnen und Autoren verstricken Holmes und Dr. Watson in fantastische, spannende Abenteuer. Dabei gehen sie mit viel Kreativität und Einfallsreichtum zu Werke. "Sherlock Holmes und das Druidengrab" ist eine Kurzgeschichtensammlung, die so abwechslungsreich und kurzweilig ist, dass man wehmütig nach der letzten Geschichte das Buch zuklappt. Abwechslung bietet die Art und Weise, wie sich die Autoren der berühmten Figur nähern. Einzelne Autoren bleiben in ihrem Plot dem britischen Schriftsteller Arthur Conan Doyle - Erfinder der Figur Sherlock Holmes - sehr treu. Sie lösen die vermeintlich übernatürlichen Begebenheiten geschickt auf und bleiben in der Realität des Detektivs. Andere betreten andere völlig neues Terrain, lassen Übersinnliches wirklich geschehen und stellen den Meisterdetektiv in eine neue Welt. Durch die Verschiebung der Erzählperspektive von Watson hin zu einer dritten Person, geben wieder andere Autoren ihren Fällen einen für Holmes-Fans ungewohnten Klang, der allerdings sehr neugierig macht.

Was erwartet den Leser im Buch? Die Herausgeberin gibt hier einen guten, kurzen Einblick in den Inhalt der Anthologie - dem nichts mehr hinzuzufügen ist (Link zur Inhaltsangabe).

Folgende Geschichten haben mich aus unterschiedlichen Gründen sehr beeindruckt:

"Holmes und der Wiedergänger", Tanja Bern
Eine wahrlich gruselige Geschichte. Im kleinen Ort Lymington geht ein Vampir um, der Nacht für Nacht grausam die Dorfbewohner tötet. Obwohl Holmes nicht an solche Wesen glaubt, stürzt er sich in diesen Fall. Eine gefährliche Jagd beginnt. Dies ist eine der beiden Geschichten, die in der dritten Person geschrieben ist und dem Leser einen völlig neuen Blickwinkel erlaubt. Die Idee der Geschichte ist genial und sehr gut umgesetzt. Die Spannung steigt stetig und der Schluss ist unerwartet und verblüffend.

"Sherlock Holmes und der Geist von Carnington Hall", Anke Bracht
Eine wunderbar entwickelte Geschichte: Drei Tote hat es bereits in Carnington Hall gegeben und allen ist eine weiße Frau erschienen. Handelt es sich hier um einen Geist, der Rache nimmt? Holmes und Watson ermitteln, nach und nach lüften sie ein großes Geheimnis, dass die Familie umgibt. Auch diese Geschichte verlässt die gewohnte Erzählperspektive. Wunderbar ausgetüftelt sind die Ermittlungen. Bis zum Schluss tappt der Leser im Dunkeln, eine geschickte Taktik der Autorin.

"Die Geisterschlange von Castonhall", Guido Krain
Holmes und Watson besuchen einen Freund des Doktors auf Castonhall und eigentlich hätte dieses Wochenende sehr ruhig verlaufen können. Doch dann gibt es plötzlich einen Toten. Haben die Schlangen des Gastgebers ihre Giftzähne in ein unschuldiges Opfer geschlagen? Oder sind hier andere Mächte am Werk? Der Autor hat hier eine klassische Detektiv-Geschichte entwickelt, in der die ganze Zeit etwas Mystisches mitschwingt, das einen nicht los lässt. Der Schluss wirkt zunächst einfach, doch in den letzten Zeilen wird der Kopf des Lesers noch einmal richtig verdreht - herrlich!

"Sherlock Holmes und das Druidengrab", Barbara Büchner
Die Geschichte, die der Anthologie den Titel gab, erzählt von einem genial ausgeklügelten Fall. Verbrecher Prof. Albus Millstone lädt den Meisterdetektiv ein, seine Ausgrabungsstätte eines Druidengrabes anzusehen. Holmes wittert die Falle zwar sofort, doch macht es die Autorin ihrem Helden wahrlich nicht einfach. Sein logischer Verstand wird auf eine harte Probe gestellt. Geschickt spielt sie mit dem Leser. Stück für Stück scheint Holmes Millstone auf die Schliche zu kommen, weicht seinen Fallen geschickt aus. Die Autorin wiegt ihre Leser in Sicherheit, um dann unerwartet zuzuschlagen - mit einer Wendung der Geschichte, die selbst Holmes sprachlos macht.

"Im Rauch der Meerschaumpfeife", Tanya Carpenter
Ein wahrlich krönender Abschluss der Anthologie ist diese Geschichte. Holmes muss dieses Mal einen delikaten Fall lösen - seinen eigenen. Sir Hugo Earl von Beddingfurth wird tot in seinem Anwesen aufgefunden und alle Indizien weisen darauf hin, dass nur Holmes als Täter in Frage kommen kann. Eine verzwickte und ungewohnte Situation für den Detektiv. Während er im Gefängnis schmort muss nun Watson versuchen, diesen Fall für seinen Freund zu lösen. Diese Geschichte ist durch und durch gut strukturiert, lebt von einer Klasse Idee und die Auflösung ist einfach genial.

Insgesamt wird die Anthologie dem guten alten Holmes auf eine interessante und neue Weise gerecht, weil sie den Autoren genug Freiraum bietet, den Meisterdetektiv in bekanntem und unbekanntem Terrain agieren zu lassen. Es macht Spaß, Geschichten zu lesen, die eben nicht wie aus der Feder Arthur Conan Doyles klingen, sondern Holmes und Watson einen anderen Anstrich verpassen, ohne die Figuren zu verfremden. Die Gratwanderung zwischen klassischem Krimi und Fantasie ist gelungen.

Nachtrag: Nicht unerwähnt bleiben soll die Aufmachung des Buches. Das Cover - Felsen, mit Wolken verhangener Himmel, düstere Stimmung in blau-grün - verheißt Mystisches und Spannendes zugleich. Im Buch wird jede Geschichte mit einer passenden, düsteren Illustration eröffnet, die auf das, was den Leser erwartet, einstimmt. Irgendwie unheimlich wirkt der Mann in Uniform ("Die Fremde", Andreas Flögel), der finstere Blick des Golems ("Sherlock Holmes und der Golem", K. Peter Walter) verheißt nichts Gutes. Anmutig, geheimnisvoll die weiße Frau ("Sherlock Holmes und der Geist von Carnington Hall", Anke Bracht) und das Bild der ersten Geschichte ("Eine Studie in Blut", Desirée Hoese) - unschuldig drein blickende Kinderaugen, in denen die Gefahr blitzt - ist sehr gelungen. Cover-Motiv und Grafiken stammen von www.crossvalley-design.de

Link zu Alisha Bionda (Hrsg.)

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