Freitag, 1. Februar 2013

Rezension: Willy Russell "Der Fliegenfänger"

Noch nie habe ich einen so guten Roman gelesen. Ich war mittendrin. Die ganze Zeit war ich mit Raymond zusammen unterwegs, in seiner Vergangenheit und Gegenwart. Wahnsinn!

Es sind eigentlich nur Briefe, lange Briefe, Briefe an Morrissey zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Doch eigentlich sind es nicht einfach nur Briefe. Das Ganze ist eine Geschichte, die unter die Haut geht, die einem aus der Haut fahren lässt, die Tränen und Lächeln gleichermaßen hervorruft. Eine unglaublich Geschichte, die sich so wahr anfühlt, dass man hinaus schreien möchte: Warum, warum nur hat denn niemand zugehört? Wieso hat diesem Jungen niemand ins Herz gesehen? Sind wir Menschen manchmal so oberflächlich, so fest in unseren Strukturen verwachsen, dass wir nicht merken, wenn wir ein Lebewesen falsch beurteilen? Verurteilen?


Raymond Marks ist elf, als sein Leben aus den Fugen gerät. Er erfindet das Fliegenfangen, das ich hier nicht wirklich näher beschreiben will. Doch Jungs in dem Alter sind einfach so und es ist völlig natürlich, völlig normal. Doch wenn Erwachsene aus harmlosen Situationen ein menschenverachtendes Drama machen, dann kann die kleine heile Welt eines Elfjährigen gefährlich ins Schwanken geraten. Ray fliegt von der Schule und jeder hält ihn für einen Idioten, der sich selbst umbringen will. Ein Verrückter, dem man sofort zutraut, dass er sich an kleinen Mädchen vergreift. Ein Subjekt, das weggeschlossen gehört. Verachtet. Gehasst. Ausradiert.

Jahre später, als 19-Jähriger, schreibt Raymond seine Geschichte nieder. Er, der größte Morrissey-Fan aller Zeiten, ist auf dem Weg nach Grimsby, weil er dort auf dem Bau arbeiten und erwachsen werden soll. Er schreibt in sein Songbook. Briefe. Briefe an sein Idol Morrissey. Ihm erklärt er ehrlich alles, was damals passiert ist, als man ihn von der Schule schmiss und keiner seiner Freunde mehr mit ihm spielen durfte. Ihm verriet er auch, was damals am Kanal wirklich passierte, als man die kleine Paulette Patterson mit zerrissenem Kleidchen und blutigen Armen in einem verlassenen Schuppen gefunden hatte.

„Der Fliegenfänger“ ist Russells erster Roman und ein fantastisches Debüt. Seine Sprache ist so authentisch, dass man beim Lesen manchmal das Gefühl hat, man hätte die schlimmen Dinge alle selbst erlebt. Wir Erwachsenen haben schnell vergessen, wie verloren wir uns manchmal als Kind im Dschungel der Welt vorkamen. Wie gefährlich harmlose Dinge auf uns wirkten, wie Fantasien mit uns durchgingen. Die „Großen“ hielten Raymond für verrückt und ich fühlte so sehr mit dem Jungen, dass ich gern ins Buch geschrien hätte: „Lasst ihn in Ruhe!“

Der dicke Schmöker ist nicht einfach „nur so ein“ Roman. Auf dem Buchdeckel steht, es ist eine „ganz persönliche Unabhängigkeitserklärung“ - ja, dass trifft es sehr gut. Und ein Abschluss mit der Vergangenheit, ein Loslassen. Und warum Morrissey? Weil Raymond nicht nur sein größter Fan ist, sondern er sich mit diesem fantastischen Musiker so sehr identifizieren kann. Er fühlt, dass dieser ihn verstehen würde. Versteht, warum all dies passiert ist.

Das über 500-seitige Buch ist ein packender Roman. Mich hat er gefesselt. Und ich bewundere Russells unglaublichen Stil, der seine Geschichte zu einem wahren Meisterwerk gemacht hat. Vielleicht ist sie ja wirklich so passiert. Wer weiß.