Samstag, 2. Februar 2013

Rezension: Heide Floor "Tanz ins letzte Drittel"

Alt werden wir alle, irgendwann. Und jeder von uns verbindet andere Erwartungen und vielleicht auch Vorurteile mit dem Alter. Alt und grau, krank und dem Tod ein Stück näher. Doch alt sein ist nicht nur bestimmt von beängstigenden Vorstellungen über das nahende Ende, im Gegenteil: der Spaß am Leben muss noch nicht in eine Schublade gelegt werden, er darf gefeiert werden! Das ging mir durch den Kopf, als ich „Tanz ins letzte Drittel“ von Heide Floor gelesen habe und es hat mich sehr gefreut. Der Erstling der Göttinger Autorin sprüht vor lauter Lebenslust.


Mathilda und Maximilian heißen die beiden Protagonisten, die seit sechs Jahren ein Paar sind und zusammen leben. Geheiratet wird nicht, wegen der Witwenrente. Während Mathilda darüber grübelt, in welchem Altenheim beide ihren Lebensabend verbringen sollen und wann der beste Zeitpunkt gekommen ist, sich anzumelden, verstrickt sich Maximilian Specht in einem plötzlich aufgetauchten Gefühlsgeflecht. „Bis bald, Deine Barbara“ stand verheißungsvoll unter jedem Brief, den Specht von einer Unbekannten erhielt. Barbara. Obwohl er sich trotz aller Anstrengungen nicht wirklich vorstellen kann, wer diese geheimnisvolle Frau ist, ist er verliebt. Verliebt in Barbara. Auch in diesem Alter lässt sich die Liebe nicht davon abhalten, wie ein hungriges Tier über ihr Opfer herzufallen und die Gefühle aufzuwirbeln, bis ein riesiger Schwarm Schmetterlinge im Bauch herumschwirrt. Specht, der an einem Buch über die verschiedenen Formen des ICH brütet, hat es erwischt und es lässt nicht nur seinen Puls rasen wie bei einem Teenager, sondern inspiriert ihn. Das Schreiben geht flotter von der Hand und die Heimlichtuerei gibt dem Ganzen die passende Würze. Doch das Begehren, das da plötzlich in ihm lodert, irritiert den alten Mann.

Specht liebt Mathilda über alles, doch die Fremde bringt ihn zunehmend um seinen Verstand. Mathilda, die immer noch Rezensionen und Artikel für eine Zeitung schreibt, beschäftigen andere Dinge. Frau Wendeberg, eine Dame, die sie regelmäßig im Altenheim besucht und die im Laufe der Zeit zu einer guten Freundin geworden ist, geht es von Tag zu Tag schlechter bis deren Zeit gekommen ist. Wehmütig nimmt Mathilda Abschied von der alten Frau. Dem Tod begegnet man nun häufiger. Doch Mathildas Gedanken kreisen nicht nur um Frau Wendebergs Ableben, das eigene Alter und die Anmeldung für das Stift, sondern auch um Stefan Kranzfeld, der ihr immer wieder bei ihren Besuchen im Altenheim begegnet ist.

Wer ist Barbara und was hat es mit Stefan Kranzfeld auf sich? Bringt Mathildas Geburtstagsfeier Licht ins Dunkel? Mit Raffinesse hat die Autorin eine Geschichte entwickelt, die amüsiert, die verblüfft und mitfühlen lässt. Sie wob ein herrliches Netz aus Möglichkeiten und setzte gekonnt nacheinander die Figuren auf das Spielbrett, so dass man als Leser immer wieder auf eine falsche Fährte gelockt wurde. Mit Leichtigkeit lässt sie jeden Anflug von Ahnung, wie die Geschichte weiter gehen könnte, im Keim ersticken. „Tanz ins letzte Drittel“ ist ein sehr unterhaltsames Buch, welches achtsam Themen wie Liebe und Sex, Alt sein und Tod berührt. Ein Buch über große Gefühle. Ein Buch mit Tiefgang.

Update:
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